Zum Buch

Der Sammelband Uni brennt. Grundsätzliches – Kritisches – Atmosphärisches ist auf Initiative der AG Buchveröffentlichung entstanden, die sich im Rahmen der Studierendenproteste konstituierte. Die Idee hinter dem Buchprojekt ist, verschiedene Beiträge zu den Studierendenprotesten zu sammeln und einer breiten Öffentlichkeit in Papierform – und nicht nur online – zugänglich zu machen. Von der bloßen Idee ist durch großes Engagement und mühevolle – wohlgemerkt völlig unentgeltliche und von purem Idealismus angetriebene – Arbeit aller Beteiligter ein umfangreicher Sammelband entstanden.

An der schlussendlichen Herausgabe des Buches waren seitens der AG Stefan Heissenberger, Leo Hiesberger, Viola Mark, Susanne Schramm, Peter Sniesko und Rahel Sophia Süß beteiligt.

Die Idee hinter dem Buchprojekt

Für einige mag sich die Frage stellen, warum wir ein Buch, dieses veraltete mediale Verbreitungsmittel, für die Veröffentlichung dieser Texte gewählt haben. Das Internet erscheint doch die um einiges zeitgemäßere Darbringungsform zu sein und wird zudem oft als eine der entscheidenden Faktoren bei der Ausweitung der aktuellen Proteste genannt. Nun, natürlich ist das Internet in diesem Kontext wichtig. Allerdings sind Bücher integraler Bestandteil einer Universität (auch in Zeiten des Internet) und damit für Studierende und Lehrende ein vertrautes Instrument, um eine kritische Öffentlichkeit zu schaffen. Wir legen die Betonung auf die Interaktion dieser Medien und hoffen, so auch Menschen zu erreichen, die mit dem Internet nicht viel anfangen können.

Der Weg von der Idee zum fertigen Buch war ein Grenzgang. Zwischen erster gemeinsamer Ideensammlung und der Abgabe des Manuskripts an den Verlag vergingen nur knapp zwei Monate. In dieser Zeit wurden über vierhundert E-Mails versandt, zahlreiche (Skype)Gespräche geführt, tagelang Texte gelesen und lektoriert. Eine weitere Herausforderung stellte die nicht vorhandene zeitliche Distanz zu den Geschehnissen dar. Angefangen während der Proteste und beendet während der Proteste, mussten unsere Pläne immer wieder adaptiert, aktualisiert oder über den Haufen geworfen werden. Trotz dieser Mühen trifft wohl mit pathetischen Abstrichen Pierre Bourdieus Zitat auf uns zu:

„Die Anstrengungen des Kampfes, ganz zu schweigen von der Lust und Freude, die sich aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Mitkämpfenden ergibt, das Gefühl, eine Aufgabe erledigt zu haben, oder auch die wirkliche oder eingebildete Erfahrung, Macht zu haben, um die Welt zu verändern – das alles stellt in sich schon eine nicht zu leugnende Befriedigung dar.“ (1992, 278)

Da beim Verfassen dieser Zeilen die Proteste noch immer auf die eine oder andere Weise stattfinden, steht es uns auch nicht zu, ein Resümee darüber zu schreiben. Das Buch darf auch nicht als ein von der ganzen Bewegung abgesegnetes Kompendium verstanden werden, es soll den Leser_innen viel mehr ein polyphones Stimmungsbild vom Beginn der Proteste im Oktober 2009 bis Mitte Jänner 2010 vermitteln. Es stand nie zur Debatte, ein dogmatisches Buch mit einer einzigen durchgängigen Position zu den Protesten zu schreiben. Vielmehr wollen wir uns dem anschließen, was Wolf Spemann über Grenzänger_innen schreibt: „Sie fügen aus Mosaiksteinen verschiedener Farben ein Bild zusammen, wodurch wir die Welt ein wenig besser verstehen können“ (2005, 70). Das Buch soll einen bunten und kritischen Diskussionsbeitrag zur Bildungs- und Universitätsdebatte liefern, Ideen nicht verloren gehen lassen, eine kritische Öffentlichkeit informieren und ab und zu auch inspirieren. Das heißt auch, dass wir unterschiedliche, z.T. sich widersprechende Positionen versammelt haben. Es darf und muss über Bildung diskutiert und gestritten werden. Gemeinsam ist beinahe allen Texten ein vorsichtiges bis starkes Bejahen der Proteste, das Raum lässt, sich mit den Geschehnissen selbst kritisch auseinanderzusetzen. Der Fokus wird auf die Universität gelegt. Ihre Bedeutung und Aufgabe in unserer Gesellschaft wird u.a. Gegenstand der hier versammelten Beiträge sein. Mit Franziska Dobuševa  ist die Universität für uns ein

„wesentlicher Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion von Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung. Deshalb ist die Universität nicht einfach eine weitere Institution, die der gouvernementalen Kontrolle unterworfen ist, sondern ein entscheidender Ort, an dem breitere soziale Kämpfe gewonnen und verloren werden.“[2]

Dieses Buch macht sich auf die Suche nach den Ursachen der Proteste, stellt grundsätzliche Fragen zum Bildungsbegriff und zur Bildungspolitik, versammelt kritische Positionen und Forderungen und gibt atmosphärische Stimmungsbilder aus den (ehemals) besetzten Hörsälen wieder. Neben dem Warum und Skizzierungen für eine andere Zukunft kommt dem Wie ein Schwerpunkt im Buch zu. Auf unterschiedlichen Ebenen wird erkundet, wie sich der Protest zugetragen hat. Die diversen Textsorten – Wissenschaftliches, Essays, Kommentare, Satire, Impressionistisches, Künstlerisches, Reden und Interviews – sollen es den Leser_innen ermöglichen, sich dem Thema von verschiedenen Seiten zu nähern. Diesem Gedanken liegt auch die Autor_innenauswahl zugrunde. Die vielen heterogenen Stimmen, die während der Proteste laut geworden sind, wollen wir im Buch widerspiegeln. So kommen Studierende und Lehrende genauso wie Intellektuelle und Künstler_innen zu Wort. Viele von ihnen haben mit Reden, Lesungen und Konzerten die Studierenden immer wieder motiviert, unterstützt und ermutigt.

Mit dem Schwerpunkt auf Wien soll das Zentrum der Proteste näher beleuchtet werden. Darüber hinaus sind Texte von Autor_innen aus Graz, Klagenfurt, Salzburg, Innsbruck und Berlin enthalten.


[1] Bourdieu, Pierre (1992 [1984]): Homo academicus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 278.
[2] Dobuševa, Franziska (2009): Bis 11 zählen können. Warum brechen die Proteste jetzt los? In: Malmoe, Ausgabe 48, 18.


Zum Verlag

Der Verlag Turia + Kant, 1988/89 in Wien von Dr. Ingo Vavra gegründet, hat bereits zur Zeit der schwarz-blauen Wenderegierung eine Art Protestbuch herausgebracht – Philosophie in Aktion. Bevor wir mit Turia + Kant zusammengekommen sind, haben wir von einigen anderen Verlagen entweder Absagen erhalten oder es wurden unannehmbare (meist finanzielle) Bedingungen gestellt.

Turia + Kant will uns mit diesem Buch unterstützen und wird nach der vorläufigen Kalkulation weder einen Gewinn noch einen Verlust machen. Wir, die HerausgeberInnen (Stefan Heissenberger, Viola Mark, Susanne Schramm, Peter Sniesko und Rahel Sophia Süß), verdienen nichts mit dem Buch, da wir in der Publikation die Verwirklichung eines idealistischen Projekts sehen. Jede Förderung, die wir extern noch aquirieren können (z.B. von der ÖH), fließt in eine direkte Senkung des Verkaufspreises für das Buch.

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